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Das Feuer hatte ganz von ihm Besitz ergriffen. Er wusste es seit dem Augenblick, als der gesamte Bunker explodiert und er verschont geblieben war. Er wusste, dass er zu weit gegangen war, selbst als er unversehrt aus der Asche und den Trümmern kroch.
Sein Körper war durch das wütende Feuer in ihm geschützt gewesen, das seither nur noch stärker, gleißender und unkontrollierbarer brannte. Er hatte den Kampf gegen seine schreckliche Fähigkeit verloren, den Kampf gegen sich selbst - wie er es befürchtet hatte.
Die anderen, die ihn in der flammendurchloderten Waldesfinsternis anstarrten, wussten es ebenfalls. Vor allem sie, die Frau, deren weit aufgerissene dunkelbraune Augen schmerzhaft an etwas tief in seinem Innersten rührten. Er liebte sie. Nicht einmal der Wahnsinn des erbarmungslosen Feuers konnte diese Tatsache fortbrennen.
Sie lebte in seinem Herzen, diese Frau.
Seine Frau.
Seine Gefährtin, heulte etwas Archaisches und Gequältes in ihm auf.
Er liebte sie von ganzem Herzen, aber er wusste, dass er sie nicht haben konnte. Nicht jetzt.
Nie mehr.
Bei diesem Gedanken warf er den Kopf zurück und stieß einen brüllenden Schrei aus, und seine Stimme entfesselte einen weißen Feuerball. Er beschrieb einen hohen Bogen und schlug einige Meter entfernt von ihm in den Boden ein, Funken und gelöste Erdklumpen prasselten auf die Umgebung herab.
„Andreas, bitte“, schrie seine Frau. „Lass uns dir helfen.“
Flammen umtanzten sie. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und ihre Hände zitterten, als sie sie ihm durch den Rauch und die fahle, schwebende Asche entgegenstreckte, die wie Schneeflocken von den Baumwipfeln regnete.
„Andre, schau mich an. Hör mir zu. Ich weiß, du kannst es.“ Sie ging auf ihn zu und ignorierte dabei die Warnungen der Männer in ihrer Nähe. „Ich bin nicht bereit, dich gehen zu lassen“, sagte sie heftig.
Worte, die ihm wie ein Echo vorkamen, wie eine Erinnerung.
Hatte er sie hier, an diesem Ort, früher in dieser Nacht gehört? Hatte er diese Worte zu ihr gesagt?
Das alles spielte jetzt keine Rolle mehr. Sie und die anderen, die bei ihr waren - Freunde, nannte sein Instinkt sie - , waren in seiner Gegenwart nicht mehr sicher. Sie mussten gehen.
Aber sie hatte nicht vor, ihn hier zurückzulassen.
Das konnte er an ihrer trotzigen Kopfhaltung deutlich erkennen. Er knurrte vor Wut, und sie spürte, dass ein weiterer Feuerball in seinen Eingeweiden anschwoll.
Unglaublich, sie kam noch näher.
Ein Bild schoss ihm durch den Kopf, während er zusah, wie sie noch einen Schritt auf ihn zuging. Er sah ein kleines Mädchen mit sandfarbenen Rattenschwänzen und einem lieben Lächeln, das ihm in einer freundlichen Geste die Hand hinstreckte. Er sah ein strahlendes, unschuldiges Gesicht, das ihm Hilfe und Mitgefühl anbot... kurz bevor das Feuer, das in ihm brannte, hervorbrach und sie vernichtete.
Er hatte schon einmal etwas Kostbares und Reines getötet. Das wollte er nicht wieder tun.
Er schrie seine Selbstverachtung hinaus und sandte damit einen kleinen Hagelschauer von Feuerkugeln vor sich auf die Erde. Eine niedrige Barriere aus flackernden und knisternden Flammen trieb Claire zurück, doch das reichte noch nicht. Sie musste unbedingt gehen - er musste unbedingt wissen, dass sie außer Reichweite seiner zerstörerischen Kraft war.
Sie alle mussten jetzt unbedingt gehen.
Er sandte noch mehr Feuer aus und zwang auf diese Weise die ganze Gruppe zum Rückzug. Als sie langsam zurückwichen, sah er das tränenverschmierte, schöne Gesicht dieser Frau - seiner Frau, die ihn durch die immer höher lodernde Flammenwand, die sie trennte, durchdringend ansah.
„Nicht, Andre“, formten ihre Lippen. „Das erlaube ich dir nicht.“
Hitzewellen waberten aus den Flammen, die vor Claire und den anderen tanzten. Durch den wogenden Feuerwall hindurch beobachtete sie Andreas' Gesicht. In seinem Blick lagen Qual und Schmerz. Und Wahnsinn. In seinen Augen glühte herzzerreißende, trostlose Entschlossenheit.
Er gab auf.
Er versuchte, sie von sich wegzutreiben, um mit seinem Leiden - und wohl auch seinem Tod - allein fertig zu werden.
Nein, dachte Claire. Das kam nicht infrage. Nicht die geringste gottverdammte Chance, dass sie das zuließ. Nicht nach allem, was sie durchgemacht hatten. Nicht, nachdem sie all die Zeit auf ihn gewartet und nie aufgehört hatte, ihn zu lieben.
Es musste irgendeine Möglichkeit geben, zu ihm durchzudringen. Einen Weg, ihm zu helfen.
„Renata“, sagte sie und sah sich nach der anderen Stammesgefährtin um. „Du hast da vorhin etwas mit deiner Gabe gemacht. Es hat das Feuer um ihn herum etwas besänftigt...“
„Ja“, bestätigte Renata. „Ich habe es auch gesehen.“
„Du musst es jetzt noch mal machen.“
Nikolai kam zu ihnen herüber, sein Gesichtsausdruck war ernst. „Renatas Gabe ist tödlich, Claire. Damit spielt man nicht mm, glaub mir.
Wenn sie das gegen Reichen einsetzt, könnte sie...“
„Könnte sie was? Ihn umbringen?“ Claire fühlte, dass sie hysterisch wurde. „Schaut ihn euch doch an!
Er stirbt sowieso. Wenn wir nicht schnell etwas unternehmen, bringt die Pyrokinese ihn um.“
Sie schaute Renata an, verzweifelt nach jeder noch so kleinen Chance, Andreas zu retten. „Bitte... bitte versuch es.“
Renata nickte kurz und sah dann weg, um ihre gesamte Aufmerksamkeit auf die furchtbare Wand aus Hitze und Flammen zu richten, zu der Andreas geworden war. Unverwandt starrte sie ihn an, konzentrierte ihren Blick auf ihn wie mit einem Laser.
Claire spürte einen kaum wahrnehmbaren Lufthauch, als sich aus Renatas Geist eine unsichtbare Strömung löste und ihr Ziel erfasste.
In dem Augenblick, als sie ihn traf, bäumte er sich auf und zuckte zurück.
Claire blieb fast das Herz stehen, als er den Kopf in den Nacken warf und aufheulte, sämtliche Muskeln angespannt wie Kabel. Mit beiden Händen hielt er sich den Kopf und wand sich, während Renata ihn in der lähmenden psychischen Klammer ihres starken Geistes hielt. Andreas zitterte und brüllte... und je mehr er sich wehrte, desto stärker begann das Glühen, das ihn überflutete, nachzulassen.
„Mach weiter, Renata! Oh mein Gott, es funktioniert!“
Claire hörte mehr als einen Krieger fluchen, die wie sie fasziniert zusahen, wie Renatas geistige Druckwellen Andreas' Feuer immer weiter löschten.
Er fiel auf die Knie, krümmte sich zusammen und hielt sich noch immer den Kopf. Er sah aus, als litte er Höllenqualen, doch die Hitzewellen, die seine Glieder und seinen Leib umzüngelten, wurden zunehmend schwächer.
„Bitte, Andre... halt durch“, flüsterte sie. Es zerriss ihr das Herz, ihn so leiden zu sehen, und allmählich verlor sie die Nerven. Doch als sie Renata gerade bitten wollte, jetzt aufzuhören, kippte er vornüber und brach der Länge nach zusammen.
„Claire, bleib zurück!“, schrie jemand, doch sie rannte schon zu ihm.
Sie wich den Flammen aus, die stellenweise noch brannten, und eilte an seine Seite. Noch immer knisterte Energie auf seiner Haut und ließ sie erschauern, doch die Glut war verschwunden. Das Feuer war abgekühlt.
„Andre“, schluchzte sie und ließ sich neben ihm auf die Knie fallen.
Sie bettete seinen Kopf auf ihre Oberschenkel und streichelte ihm die bleiche Wange und die Stirn. Er war kalt. Und rührte sich nicht.
Oh Gott.
„Andre, kannst du mich hören?“ Sie wiegte seine breiten Schultern und beugte sich vor, um ihr Gesicht an seines zu pressen. „Andreas, bitte stirb mir nicht.
Bitte... komm zurück zu mir.“
Sie überhäufte ihn mit Küssen und hielt ihn fest.
Und betete, dass sie das Richtige getan hatte. Dass er noch irgendwo da drinnen war und das Risiko, dem sie ihn ausgesetzt hatte, nicht der schwerste Fehler ihres Lebens gewesen war.
„Andreas, ich liebe dich“, murmelte sie und nahm undeutlich wahr, dass sich Renata, Dylan und die Krieger um sie geschart hatten. „Du kannst mich jetzt nicht verlassen. Das darfst du einfach nicht.“
Tegan kniete sich neben sie und legte eine Hand seitlich an Andreas' Hals. „Er lebt. Er atmet, aber er ist bewusstlos. Immerhin, sein Puls ist stark...“
„Gott sei Dank“, flüsterte Renata und umarmte Niko heftig, während sie mitfühlend und gleichermaßen besorgt auf Claire hinuntersah.
„Wir müssen ihn von hier wegbringen“, sagte Tegan und sah zu Renata auf. „Kannst du ihn unter Kontrolle halten, wenn er auf der Fahrt nach Boston wieder zu sich kommt?“
Sie nickte. „Klar. Ich tue, was immer nötig ist. Ich kümmere mich um ihn.“
„Komm, Claire.“ Er stupste sie sanft an, als er in die Hocke ging, um sich Andreas' schweren Körper auf die Schultern zu hieven, wie er es für jeden seiner verletzten Waffenbrüder getan hätte. „Ich trage ihn zum Rover zurück. Jetzt wird alles wieder gut.“
Claire nickte benommen, und zusammen mit den anderen machte sie sich auf den kurzen Marsch aus dem schwelenden Wald mit dem zerstörten Bunker zu den wartenden Fahrzeugen.
Sie wollte Tegan so gern glauben. Doch als sie in Andreas' regloses, aschfahles Gesicht sah, hatte sie das ungute Gefühl, dass Andreas noch sehr weit davon entfernt war, wieder in Ordnung zu sein.